1000 sm auf der Ostsee mit Mecklenburger Küste - Bericht ist endlich fertig :o)


12.6. 10 sm, 2 motort / 320 km getrailert

Gestern geslippt und noch 10 Stunden die letzte Ausrüstung zusammen gesammelt, Boot geputzt und Kleinigkeiten repariert (Verklicker aus Alublech gefertigt, der ist zwar träge aber dafür für die Ewigkeit und klackert nicht im Hafen).
Heute soll er also losgehen, der Segelsommer 2010. Es wird ein schönes Segelerlebnis werden, das ist mir schon vorher klar. Bin heute mit Dirk zur Ostsee gefahren. Der Trailer läuft gut. Dummerweise bin ich nach Wiek (auf Rügen) zum Slippen gefahren, aber da wollten sie 73 Euro. Nein danke!
Das ist sehr unverschämt. Also geht’s weiter über die Wittower Fähre nach Schaprode. Das Slippen kostet dort 35 Euro und läuft sehr gut, wie immer. Nach dem Aufriggen laufen wir endlich mit Motor und Segel nach Hiddensee. Dort haben wir erstmal Scholle gegessen. Meine Reisebegeisterung hat sich noch nicht ganz eingestellt. Ich muss mich erst einmal wieder an das Boot gewöhnen, und alles muss seinen Platz finden. Ich halte mich mit mutigem Segeln noch zurück, auch wegen Dirk. Der Stecker vom Autopiloten ist defekt und damit fällt der Autopilot vorerst aus. Sehr schlecht. Dafür läuft der Rechner mit dem Plotter wie geschmiert.

15./16.6. 95 sm, 10 davon motort

Wir haben gut geschlafen und haben heute megasonniges Wetter. Wir frühstücken entspannt und überlegen, Rund Rügen zu segeln, im Uhrzeigersinn. Alle Wetterprognosen sehen sehr gut aus, aber der Zeitplan ist eher knapp. Wir brechen gegen Mittag auf und legen unter Segel in Vitte ab. Wir haben soviel Glück, das wir trotz Richtungswechsel im Fahrwasser überall mit Segel fahren können. Wir entscheiden uns, die Nacht durchzufahren. Bei Kap Arkona steht doch eine dicke Briese, aber wir haben eine achterliche Welle und Sonne satt. Mit gut 6 kn fahren wir an der Schaabe vorbei und um den Kreidefelsen. Fotowetter ohne Ende. Der Wind dreht mit uns mit, so dass wir weiter mit achterlichem Wind um 4+ bf bei Prora und Binz schön am Strand langlaufen können. Bei zunehmender Dunkelheit erreichen wir Landtief. Das ist etwas ungünstig, weil hier durch den Bau der Ostseepipeline schwer was los ist. Überall sind Bagger und Frachter vor Lubmin und im Greifswalder Bodden unterwegs. Wir werden von Frachtern nahe verfolgt. Mit Am-Wind-Kurs kommen wir gegen morgen nach Stralsund und hatten im Strelasund eine sehr schöne Fast-Mittsommernacht. Es wird gar nicht richtig dunkel, was im Strelasund kein Fehler sein muss. Ständig steht ein roter Streifen am Horizont. Am Rügendamm legen wir kurz den Mast und dann geht schon weiter. Leider verlässt uns nun langsam das Glück und wir haben voll die Hackwelle von vorne bei gut 4 bf auf dem weg nach Hiddensee. Sehr schlecht. Ich bin kurz vorm Aufgeben und will nach Stralsund abdrehen. Kurz herrscht Panik im flachen Wasser, weil der Tank leer ist. Schließlich landen wir dann doch noch gut in Vitte, machen kurz fest (macht 5 Euro!) und fahren nach kurzer Pause mit achterlichem Wind um 3 bf weiter nach Ralswiek. Wir sind nun zwar lange ohne Schlaf und total k. O., aber wir haben Rund Rügen in 16 Stunden geschafft bei 80 sm und dann die Strecke nach Ralswiek von 15 sm. Ein schöner Törn. Dirk ist begeistert. Mit dem Auto fahren wir vorerst zurück nach Berlin. Das Boot bleibt aber in Ralswiek. Es geht ja weiter.

18.6. 19 sm, davon 5 motort

Gestern Abend ging’s schon wieder an nach Rügen. Diesmal ist Gregor mit an Bord. Nach einer viel zu kurzen Nacht haben wir gegen 10 Uhr in Ralswiek abgelegt. Hart am Wind, bei 35 Grad Lage, sind wir super über den Großen Jasmunder Bodden bis Breege gesegelt und dann mit Motor gegenan Richtung Wittower Fähre gelaufen. Aber nach der Fähre geht dann gar nichts mehr. Eine fette Welle steht genau von vorne. Bis Vitte sind es nur noch 2 sm, aber Hiddensee bleibt heute für uns unerreichbar. Aufgabe. Wir drehen bei und laufen mit 5 kn nach Wiek. Sehr schade. Der Wind nimmt nun stetig zu und erreicht in Böen gute 6 bf. Wir finden im Hafen einen Schwimmsteg und machen fest. Die Wetterlage sieht für die kommenden Tage nicht gut aus; wir werden hier wohl eingeweht bleiben. Sehr ärgerlich. Aber so ist das beim Jollensegeln. Gregor ist noch guter Laune. Ich wäre lieber in Vitte und kann das nur schwer verschmerzen. Dafür haben wir an Land schönes Sonnenwetter.

19.6. Hafentag

Wir kommen hier nicht mehr raus, dass ist das Motto des Tages. S-SW steht voll auf den Hafen. Unser zweiter Mitfahrer Stefan ist flexibel und stößt gegen Nachmittag mit der Schnellfähre von Stralsund über Vitte zu uns. Jedenfalls war Stefan dann schon mal auf Hiddensee. Wir haben immer noch die Hoffnung , hier weg zu kommen, auch wenn es nicht gut aussieht. Abends schauen wir Fußball-WM in einem einheimischen Hotel. Irgendwer spielt gegen irgendwen. Mir ist das schnuppe; ich will los. Meine Stimmung ist stetig am sinken. Die Zeit läuft und weg und wenn wir nicht bald losmachen, ist der Törn gelaufen. 2 von 4 Tagen sind schon weg. Heute hatten wir nur 10 Grad, was für ein Sommer. Wir haben in Wiek nun schon jedes Haus besichtigt. Ich war das erste mal seit 30 Jahren wieder im Kindererholungsheim. Die Zeit hier scheint still zu stehen; alles sieht aus wie früher und die Erinnerungen kommen alle wieder. Als wir gegen 23 Uhr vom Fußball schauen vom Hotel zum Steg kommen, hat der wind deutlich abgenommen. Ich will (!!!) los. Wir entscheiden uns, uns noch mal aufs Ohr zu legen und gegen 4 Uhr aufzustehen um dann Rund Rügen zu segeln. Die Wetterlage bleibt aber ungewiss und ist deutlich schlechter als bei dem Törn mit Dirk. Ich hoffe wir kommen gut raus auf die Ostsee und dann schauen wir mal. Zum glück habe ich tagsüber noch mal 20 l Sprit gebunkert (ohne Extraaufschlag). Schlafen geht zu dritt ganz gut, wenn alle Sachen halbwegs verstaut sind (links/rechts/vorne). Der Rum ist alle, seeeehr schlecht.

20.6. 95 sm, davon 50 motort

Wir sind gegen 4 Uhr aufgestanden. Der Wind hat wieder zugenommen. Es ist zum verzweifeln. Dieses ständige abwägen, los zu fahren und dann wohin, nervt. Jetzt hab ich auch mal genug. Also leinen los und raus aus dem Hafen. Es geht dann doch besser als gedacht gegenan. Das liegt wohl am Ballast. Wir liegen gut tief im Wasser. Am Abzweig Vitte setzen wir die Segel und nehmen Kurs raus auf die Ostsee. Endlich. Es ist saukalt, aber die Sonne scheint. Nun segele ich also schon zum 2. Mal innerhalb einer Woche mit der Jolle Rund Rügen. Wir runden Kap Arkona bei strahlendem Sonnenschein. Ab Saßnitz müssen wir leider die Segel bergen und motoren, da der Wind wieder eingeschlafen ist. Regenschauer ziehen nun durch wie im April, die Kälte nervt. Das Ziel Vitte liegt noch in weiter ferne. Höhe Mönchgut setzen wir wieder die Segel und kürzen bei Am-Wind-Kurs Landtief mächtig ab. Wenn man gleich dicht hinter landtief rumzieht, kommt man sicher durch und am Großen Stubber locker vorbei. Der Wind lässt nach, wir motoren wieder. Dann erwischen wir wieder eine gute Briese Richtung Stralsund. Auf halber Strecke dreht der Wind, wieder Motor. Hier wird einem nichts geschenkt. Wir passieren Stahlbrode gegen 20:30 Uhr und sehen Regenbögen satt für alle. Die Kälte scheint das Motto der nächsten Stunden zu werden. Es ist arschkalt, wie im März oder Oktober und kaum auf Dauer in der Plicht zu ertragen. Das ist so kein Sommer für mich. Ich hab mich kurz mal auf Ohr gelegt. Stefan und Gregor haben das Boot locker im Griff. Stralsund ist jetzt voraus. Sonnenuntergang. Wir legen den Mast und fahren durch den Rügendamm. In Stralsund gönnen wir uns noch eine kleine Hafenrundfahrt, die mich sehr an Koppenhagen im Megakleinformat erinnert. Dann laufen mit Motor Richtung Hiddensee. Jetzt kommt die Sache mit der Dunkelheit und dem unbeleuchtetem Fahrwasser voll zum tragen. Erst läuft es noch ganz gut, der Himmel ist um 23 Uhr immer noch rötlich erleuchtet. Aber so auf halber Strecke ist es dann stockfinstere Nacht. Trotz Scheinwerfer und Kartenplotter finden wir nur schwer die Tonnen und den richtigen Weg. Mit Jolle ist das aber auch nicht super tragisch. Schließlich finden wir aber dann doch recht zielsicher das Richtfeuer Vitte rot. Endspurt. Noch schnell durchs Fahrwasser zum Yachthafen. 3:00 Uhr. Anlegen, Strom anschließen und schlafen, schlafen, schlafen..... Wir sind da. Endlich Vitte erreicht, nach 95 sm und über 21 Stunden. Gut das wir noch Sprit geholt hatten, wir haben jeden Tropfen gebraucht, jeden.

21.6. 16 sm gesegelt

Aufgewacht und die Sonne scheint in die Kajüte. Es ist 9:30 Uhr und eigentlich eine gute Zeit zum aufstehen, aber nicht wenn man vergangene Nacht erst um 3 Uhr ins Bett ist. Ich bin voll gerädert und wie gelähmt. Aber wir müssen heute noch nach Ralswiek und dann gleich zurück nach Berlin, Daher heißt es die zeit nutzen. Schnell duschen und dann gehen Stefan, Gregor und ich zum berühmten Edekabäcker, um uns ein Frühstück zu leisten. Vorher machen wir aber noch einen Abstecher über die Düne, um die glatte Ostsee im Sonnenschein zu bewundern. Urlauber gibt es bei diesem Wetter auch ohne Ende, die Saison läuft an. Wir legen gegen 12 Uhr ab und fahren mit raumem Wind nach Ralswiek. Endlich ist es auch mal warm, ein richtiger Sommertag. Schade, dass wir nicht mehr Zeit haben.

24.6. 5 sm gesegelt, 11 motort

Ich habe drei Tage mit meinem Sohn Lennart an Land mit Oma und Opa verbracht. Und das Boot liegt ja immer noch in Ralswiek. Ein verschlafener Hafen, der zum glück nur wenig angesteuert wird. Daher ist eigentlich immer ein freies Plätzchen zu finden. Ich habe die Zeit genutzt, um die Ausrüstung für den großen Sommertörn zu checken. Ich war beim Segelmacher und habe Fock und Groß nachnähen lassen, was dringend notwendig war. Und ich habe endlich die elektronischen Karten installiert bekommen. Heute nun geht’s wieder auf nach Vitte. Mein Lieblingshafen. Leider wieder mal gegenan. Habe gut alleine angelegt, das Wetter ist perfekt. Entspannung.

27.6. 5 sm gesegelt/ 900 km getrailert


Lennart kam mit der Fähre rüber und nun segel ich mit ihm, er am Ruder, von Vitte zurück nach Schaprode, um zu slippen. Drei Wochen ohne Lennart werden schon schwer werden, jetzt, wo ich ihm so nah bin. Der Abschied von Lennart fällt schwer. Jetzt heißt es allein abriggen und aufräumen. Stefan kommt nun auch an. Die nächsten drei Wochen werden wir auf gefühlten 2 qm eingezwängt sein. Wir haben wieder Unmengen an Ausrüstung dabei: Ersatzmotor (diesmal mit Funktionstest), Kanister für 120 l Benzin, 2 Anker, Festmacher lang, Ersatzsegel, Werkzeug, Batterie, Laptop, Ladegeräte, Essen für mindestens drei Wochen und ohne ende Klamotten. Als alles nach langer Zeit verstaut ist und das Boot auf dem Trailer hinter meinem Passat hängt, kann Stefan kaum mehr sitzen und das Auto bricht fast zusammen. Aber es sind ja nur 900 km bis Stockholm, das werden wir schon wuppen, mit den gefühlten 3 Tonnen. Wir fahren nach dem abschied von meiner Tante gegen 22:30 Uhr in Mukran auf die Fähre nach Trelleborg. Erster Schock: 218 Euro für die einfache Fahrt. Und dann müssen wir unsren Schwerlasttransporter noch mal kräftig zwischentanken, da werden auch noch ein paar Euro bis Stockholm freigesetzt werden. Am Vormittag des nächsten Tages fahren wir irgendwo in Schweden auf einen Rastplatz und schlafen eine stunde im boot. Gegen 1:45 Uhr kommen wir endlich an unserem Ausgangshafen Bullandö an. Was für eine Fahrt. Wir nutzen den Tag um das Boot soweit zum Slippen vorzubereiten, tanken die Kanister voll und sortieren nochmal alles. Die Nacht schlafen wir dann im Boot auf dem Trailer, sehr komische Sache. Bullandö ist eine sehr schöne Marina mit allem was man braucht. Schlafen, schlafen, schlafen........

28.6. 16 sm gesegelt

Endlich, der Morgen bricht mit strahlender Sonne an und wir wollen nur noch los auf unsere große Reise. Kranen ist in Schweden kein Thema (anders als in Deutschland). Gabelstapler, Gurte, fertig. Die ganze Aktion dauert 2 Minuten und wirkt sehr professionell und sicher. Das hat aber auch seinen Preis: 70 Euro für 2 Minuten. Ich bin dadurch etwas unentspannt. Doch dafür ist diesmal keine zeit. Der Inhalt des Autos muss nun noch ins Boot. Und während das Auto langsam aufatmet, sinkt das Boot immer tiefer. Zwei Stunden brauchen wir für das stauen der gut 300 kg Zuladung. Und da steht die Tide 2 nun. Aufgeriggt und ausgerüstet für mindestens drei Wochen große Fahrt durch die Schärenwelt. ich bin nun endgültig unter Strom, es kann losgehen. Mit dem Schlauchboot im Schlepp legen wir ab und setzen bei achterlichem Wind die Segel. Unser erster Eindruck der Schären ist überwältigend. Man kann in alle Richtungen fahren und überall sind kleine Inselgruppen, große Inseln und viel Wasser. Das beste Segelrevier, das ich bis jetzt gesehen habe. Wahnsinn. Das wird ein guter Törn, da bin ich mir schon jetzt sicher. Der Aufwand hat sich gelohnt. Stefan ist auch sehr angetan. Wir fahren heute erst mal nicht mehr so weit, sondern ankern in einer Bucht bei Idholmen. Wie aus dem Reisekatalog. Felsen, Kiefern , Sonne. Wir gehen mit dem Dingi an Land über und versuchen, gutes Trinkwasser zu organisieren. Wir latschen über die ganze Insel und finden auf dem Naturcampingplatz endlich eine Handpumpe mit megafrischem Wasser. Der Rückweg mit dem Kanister (voll) wird dann in der Abendsonne doch noch etwas anstrengend, aber der Ausblick auf frischen Kaffee treibt uns voran. Auf dem Boot machen wir dann noch eine kurze Lagebesprechung bei Sonnenuntergang und besagtem Kaffee. Mit den Seekarten blicken wir jetzt langsam durch. Es ist zwar noch ungewohnt mit den Felsen und den Tonnen und Inselchen und Markierungen, aber wir werden das schon packen. Ein schöner erster Tag, so kann es gerne weiter gehen.

29.6. 28 sm

Der Tag fängt gut an. In unserer Traumankerbucht werden wir von Sonnenstrahlen geweckt. Ich habe mich dann ganz gemütlich ins Schlauchboot gelegt und vom Wind hin und her treiben lassen. Stefan hat derweil das Frühstück gemacht, dass wir dann ausgiebig genossen haben. Es gab Cornflakes und guten Kaffee mit dem Superwasser. Leider fiel mir beim Abwaschen ein Teller ins Wasser und blieb an den Schlingpflanzen hängen. Unter Wasser hat der Teller die Sonne lustig reflektiert. Aber ich war etwas genervt, da der Teller zu einem Set gehörte, welches ich in Amsterdam gekauft hatte und wollte ihn deshalb gerne wiederhaben. Aber alle Angelversuche blieben erfolglos und zum Tauchen hatte ich keine Einstellung. Dann hieß es Anker auf und quer durch die Schären mit Schmetterlingsbeseglung in Richtung Arholma. Waren die Schären anfangs noch sehr eng beieinander, so tut sich nach dem Passieren des Büldosundes ein doch sehr ungeschütztes Revier auf. Jollensegeln ade, ab hier ist es wieder ein ernstes Kielbootgebiet mit viel Welle. Wir machen jetzt über 6 kn Fahrt und rauschen durch die Sonne dahin. Mit Ach und Krach finden wir die Abbiegung nach Stordy Viken. Eine zeitlang fahren wir orientierungslos umher und finden den Ankerplatz nicht, dafür dann aber den richtigen Anleger in Arholma und machen fest. Ich mache mir jetzt doch langsam Gedanken über die für morgen geplante Überfahrt Richtung Åland-Inseln. Der Wind scheint ständig zuzunehmen. Wir müssen also den Wetterbericht genau checken. Ich bin verunsichert. Es geht wieder raus auf die freie See, da ist Respekt angesagt. Die Schären sind ein super Segelrevier. Traumhaft und sehr erholsam für die Seele. Bis jetzt gut geeignet für Jollen. Wir haben Kartoffeln mit gekochten Zwiebeln gegessen, das haut voll rein und durch. Danach haben wir noch mal schnell mit Schere und Silikon die Nationale in Form gebracht. Die war durch die letzten Törns doch etwas arg mitgenommen und drohte sich aufzulösen. Aber ohne Nationale ist es ja nun doch grad ungünstig. Es heißt weiterhin ständig das Wetter checken und überlegen, ob wir es morgen wagen können. Wir werden es sehen.

30.6. 34 sm

Hölle, Hölle, Hölle!!! Wir haben es getan und sind von Arholma Richtung Åland-Inseln aufgebrochen. Der große Schlag über die ungeschützte See hat begonnen. Kaum sind wir draußen haben wir S/SW 5 und 1 m Welle. Doch jetzt gibt es kein zurück mehr. Wir machen gut fahrt, haben aber auch eine mega Driftung. Es versetzt uns ganz schön. 25 sm offene See. Dabei fing es am Morgen recht harmlos an. Wir haben alte Geschützanlagen auf Arholma besichtigt und durch die Aussicht die Lage gecheckt und uns schließlich entschieden, loszufahren. Wie gesagt, kaum sind wir draußen, haben wir eine dicke Welle und die auch noch quer. Wir machen über 6 kn Fahrt. Die Jolle hat nichts zu lachen und fährt mal wieder nahe an der Leistungsgrenze. Langsam kommt die Sonne durch und mit beiden Händen an der Pinne festgekeilt (wegen Querwellen und Drift) rauscht das schäumende Wasser an uns vorbei. Es ist wieder einmal Wahnsinn. Aber wir sind ja in diesen Situationen erprobt und etwas entspannter, als beim aller ersten Mal. Die Ruderanlage gibt mehr als sie eigentlich kann. Es müssen enorme Kräfte auf die Halterung wirken. Wie gesagt, wir sitzen festgekeilt mit beiden Händen. Mit unserer Zuladung brechen wir jetzt mit über 1 Tonne die Wellen. Der Greif hält sich gut. Alles läuft routiniert und gut von der Hand. Das Groß ist etwas gerefft. Wir haben jetzt eine gute 5 welche raum einbläst und gut 1,5 m Welle seitlich. Da geht was ab. Mir wird leicht übel durch das Geschwofe. Die Sonne und das Geschaukel zehren an mir. Wir suchen recht orientierungslos die passende Ansteuerung nach Mariehamn Ost. Die Kartensätze erst unterwegs zu studieren, erweist sich bei Seegang dann doch als ungünstig. Zu spät sehen wir, daß wir die Ansteuerung Ost verpassen und steuern erstmal West an. Bei der Einfahrt in die Ålands kommt uns eine Yacht gegenan entgegen, fährt kurz aus der Deckung und gibt dann auf. Sie dreht um und fährt in den Hafen zurück. Wir haben es geschafft und mit raumem Wind und Welle von der Seite uns ganz passabel rübergeschlagen, obwohl der Wind und die Welle sehr fett waren. Wir nehmen jetzt eine Abkürzung zum Hafen und müssen, wegen einer Brücke, dafür kurz den Mast legen. Kaum sind wir in der Abdeckung, ist die Welt für den Jolli wieder in Ordnung und so motoren wir ganz entspannt Richtung Mariehamn Ost. Im Hafen steht leider doch ganzschöner Wind und Schwell. Aber egal, wir sind k. O. und hungrig. Stefan hat sich gut gehalten bei der Überfahrt. Er ist ein guter Segler. Die Passage zwischen Arholma und den Ålands ist wohl nicht ganz ohne, weil bei südlichen Winden die Welle ja die ganze Ostsee zum aufschaukeln hat. Wir müssen sehen, wie wir wieder zurückkommen werden. Wir liegen bis jetzt sehr gut in der Zeit. Bereits nach einem Drittel der eingeplanten Reisezeit werden wir wahrscheinlich schon Turku erreichen und haben dann noch zwei Drittel für die Rückreise. So soll es sein. Hier im Hafen zeigt sich, dass wir wohl die falsche Gastlandflagge gesetzt haben. die Ålandinseln zählen sich nämlich lieber zu Schweden, obwohl sie Finnland sind und haben vor lauter Stolz eine eigene Flagge, welche sich deutlich von der finnischen absetzt. Böser fehler. Ich bin müde und k. O.. Lennart fehlt. Es kommt mir vor, als seien wir schon drei Wochen, statt drei Tage unterwegs. Ich hab nochmal alle schrauben an der gebeutelten Ruderanlage nachgezogen und dann geht’s endlich schlafen....

1.7. 13 sm, davon 5 mit Motor

Heute sickert bei mir langsam durch, wo wir sind. Wir sind oberhalb des 60. Breitengrades, in Mariehamn, und das mit dem Greif. Der Ort ist nicht so der Knaller, aber das hab ich auch nicht erwartet. Halt skandinavisch zweckmäßig. Die Ruderanlage hat jetzt, bei Sonne besehen, doch arg gelitten. Die neue Lagerung ist schon wieder ausgeschlagen und hat Spiel, trotz ständigem Schmieren. Wir hatten trotzdem noch Glück. Die starken Ruderkräfte rührten nämlich daher, dass bei der Überfahrt das Ruder etwas nach oben gekommen war. Ich muss in Zukunft deutlich mehr drauf achten. Wir sind heute gemütlich durch Mariehamn gelaufen und haben die „Pommern„, eine stählerne Viermastbark, die heute als Museumsschiff hier liegt, besichtigt. Ein sehr interessantes Schiff, gut zum anschauen und kennen lernen der damaligen Zeit. Es muss ein Wahnsinn gewesen sein, damit zu fahren und mit 40.000 t und 18 kn Fahrt durch die stürmische See zu stampfen. Die Stadt selbst, wie gesagt, ging so, ich bin froh endlich abzulegen, um nach Kastelholm zu fahren. Dorthin mussten wir erst eine Drehbrücke passieren und dann kam fast nur Binnenrevier. Dieses Segelgebiet scheint unendlich in der Größe und der Möglichkeiten. Es ist für jeden was dabei. In Kastelholm erwartete und ein schöner ruhiger Hafen, gleich in der Nähe der Burg. Die Hafengebühren hier sind nicht ohne. Und da man hier pro Boot und nicht nach Länge zahlt, ist das bei unserer Größe auch etwas ungerecht. Aber egal. Wir müssen uns dann in Zukunft mehr zum Ankern zwingen, so oft es geht. Es ist schön ruhig hier, die Sonne scheint. Heute haben ich mit Lennart telefoniert; er fehlt mir sehr. Er wird langsam groß und man kann schon ganz gut mit ihm reden. Wir haben heute den vierten Reisetag und ich habe das Gefühl, schon eine Woche und mehr unterwegs zu sein. Bisher stand jeden Tag ein anderes Ziel mit neuen Eindrücken und Erlebnissen auf dem Plan. Wir scheinen der Zeit ein Schnippchen zu schlagen.

2.7. 27 sm , 5 motort

Die Sonne brennt schon ab 7 Uhr morgens, lokale osteuropäische Zeit übrigens 8 Uhr. Man muss einfach aus der Koje, da man sonst erstickt. Wir haben nach dem Frühstück die Burg besichtigt. Viel gab es nicht zu bewundern, aber so eine Mittelalterburg eingebettet in WindowsXP-Wetter sieht schon toll aus. Unser Schlauchboot Omega aus russischen Armeebeständen sieht schon ganz schön mitgenommen aus. Es wird wohl sein letzter Törn. Aber mal sehn, es ist ja Russentechnik, vielleicht lebt es doch noch ewig. Unser Außenborder läuft perfekt, dass beruhigt. Gestern hatten wir endlich mal einen super Empfang eines Wetterfax’ vom Deutschen Wetterdienst. Tolle Sache. Die Auswertung mittels Laptop und entsprechender Software ist sehr einfach. Mit den Wetterfaxen lässt sich viel einfacher und übersichtlicher die Gesamtwettersituation und deren Entwicklung für die nächsten Tage überblicken. Der lokale Wetterbericht ist da nicht wirklich eine Hilfe. Leider empfangen wir zur angegebenen Zeit in UTC nur Eiskarten, die wir jetzt gerade nicht brauchen können. Unsere Karten kommen zu einer anderen Zeit, irgendetwas stimmt da nicht. Das müssen wir noch lösen, dringend. Ich hab gestern Abend mal das Boot geschrubbt. Am morgen kam dann aber die Ernüchterung: wieder voll zugeschissen von den Möwen, also muss ich wieder schrubben. Wir haben heute noch 30 sm vor uns. Ein langer Ritt. Ich bin gerade eher gemütlich drauf, aber sonst schaffen wir die großen Distanzen nicht. Dafür läuft das Boot insgesamt zu langsam mit seinen 4-6 kn. Bis Turku sind es noch über 100 sm. Heute scheint die Sonne satt. In Berlin sind 37 Grad, da geht es uns hier besser. Wir haben uns entschieden, aus Kostengründen heute mal zu ankern. Wir liegen nun in einer traumhaften Ankerbucht in der nähe der Insel Sottunga. Der Name klingt irgendwie etwas nach Südsee. Und so fühlen wir uns auch gerade. Es ist immer wieder traumhaft, zwischen den Schären zu segeln. Hinter jeder Ecke gibt es eine neue Bucht und einen neuen Abzweig. Wir haben heute mal großzügig das Fahrwasser abgekürzt, sind aber immer noch voller Respekt vor den einzelnen Steinen. Die Rollreffanlage geht dank eines zusätzlichen Wirbels am Top recht fluffig und zuverlässig. Deutlich besser als letztes Jahr. Kleine Ursache, große Wirkung. Wenn man diese unendliche freie und friedliche Landschaft hier erlebt, fragt man sich schon, ob man jemals wieder daheim auf dem Heimatzwergsee fahren möchte. Unser Lieblingsgericht nach 5 Tagen: gedünstete Zwiebeln (viel) mit Pellkartoffeln und Kräuterbutter und dazu Grog. Jo, das funzt in jeglicher Hinsicht. Trotz N-Wind sind wir heute recht gut vorangekommen. Wir müssen sehen, dass wir uns in den nächsten zwei Tagen langsam nach Turku durcharbeiten. Mal sehen, was der Wind morgen bringt. Der Luftdruck ist gerade extrem hoch. Die Wetterdaten sind hier wie Lotto. Durch die Inseln und die Temperaturunterschiede kommt es eh jedes mal anders als angesagt. Wir halten uns nur an die globalen Sturmwarnungen der Großwetterlage. Handyempfang ist ohne Einschränkungen überall möglich, und damit auch Wetter (zusätzlich zum Radioempfang vom DWD). Wir haben heute sehr umständlich geankert und waren dann sehr unzufrieden mit dem Ergebnis. Ich hab dann mal (als alle scheinbar schon schliefen) mit dem Schlauchboot den Anker neu ausgebracht. Beim Ablasen aus dem kleinen Schlauchboot, zieht der Anker doch ganz schön nach unten. Als Ergebnis der Umankerung hatten wir bis zum Sonnenuntergang Sonne auf dem Achterdeck, sehr schön. Morgen wartet wieder ein langer Schlag auf uns, ich hoffe, der Wind spielt mit. Das schlechte Image der Jollenkreuzer als Fahrtenboot in der heutigen Zeit ist mir unerklärlich. Zumindest die schwere Ausführung des Greif mit der mächtigen Zuladungskapazität ist ein wahres Raumwunder, das sich gut für dieses Gebiet eignet (abgesehen bei Sturm). Nebenbei bemerkt, fahren nur Deutsche hier den Motorkegel, alle anderen machen was sie wollen und interessieren sich auch nicht dafür. Dafür tragen hier alle Schwimmwesten. Das finde ich nun auch wichtiger, als den Kegel.
3.7. 41 sm, Durchschnittgeschwindigkeit 4,2 kn

Der sechste Reisetag. Wir erwachen mit Sonnenschein in der malerischen Ankerbucht. Das Leben ist schön. Wir frühstücken wie immer mit Cornflakes und Kaffee. Anker auf stellt sich als etwas fummelig raus, aber alles geht gut. Überall sind Wasserpflanzen und Algen im Tau verstrickt. Da wir zwei Anker ausgebracht haben, haben wir nun doppelten Spaß. Der Wind hat tatsächlich über Nacht auf S gedreht. Besser konnte es gar nicht laufen. Also sind meine Berechnungen und Abwägungen der Wetterlage in Bezug zur Route doch aufgegangen. Schwein gehabt; Turku, wir kommen. Recht schnell bleibt Sotunga achter aus und wir arbeiten uns durch das schmale Fahrwasser auf die offene See raus. Ein Folkeboot überholt uns (gaaanz langsam). Das Folkeboot hat einen schönen, zeitlosen Schnitt. Kaum sind wir auf der offenen See, bahnt sich ein kleines Drama an. Eine große Fähre tauch am Horizont auf und wir natürlich direkt auf dem Weg, um vor ihrem Bug die Fahrrinne zu kreuzen. Da ich mit den unterschiedlichen Geschwindigkeiten schon so meine Erfahrungen habe, ist mir schnell klar, dass es so nichts werden wird. Also wird zusätzlich der Motor angeschmissen und wir machen endlich mal über 6 kn Fahrt. Auf der Brücke werden die sich ihren Teil denken. Wir haben keine Minute zu spät beschleunigt, denn kurze zeit später schiebt sich die Fähre recht flott und in respekteinflößendem abstand durch unser sehr kleines Kielwasser. Alles ist mal wieder gut gegangen. Vor uns liegt endlich die freie See. Fast. Denn da war ja noch die Sache mit den Steinen. Wir laufen fast über ein Steinfeld und sind kurz orientierungslos, da eine Tonne aus der Karte in natura nicht vorhanden ist. Aber dank GPS ist das Problem schnell gelöst und ab geht das Schärenfeeling. Autopilot bei 3-4 bf und wir ziehen unsere Bahn. Was will man mehr. Einfach mal 12 Seemeilen einen Strich durchs Wasser ziehen, lesen, die Seele baumeln lassen. Megawetter und ein Megatörn. Nach Osten, immer nach Osten. Die Sonne dreht sich langsam in unseren Rücken, um im Achterwasser in rötlichen Schein überzugehen. Wir haben mächtig viel mit der Navigation zu tun. Man darf halt nicht den die Orientierung verlieren und muss sich immer von Orientierungsmarke zu Orientierungsmarke hangeln, d.h. Landmarkierungen, Stöcke oder Tonnen. Es läuft aber schon besser. Wir fahren jetzt mehr oder weniger parallel zum Hauptfahrwasser und der Fährlinie nach Turku. Endlich naht der Hafen in Verkan. Sehr idyllisch gelegen, aber dann der Schock: alle Plätze voll. Nichts geht mehr, nicht mal mit unserem kleinen Boot. Ich bin kurz genervt, schließlich sind wir seit 9 Stunden unterwegs. Jetzt ist 18 Uhr und ich will ankommen, was essen und so. Also Segel wieder hoch und weiter gen Osten, 90Grad. Unser Hafenhandbuch hat nur 8 Häfen für das gesamte Seegebiet aufgeführt, das ist zu wenig und es liegt auch nichts in unserer Nähe. Stefan findet eine Detailkarte in unserem reichhaltigen Kartenmaterial und dort eine gut gelegene Ankerbucht. Noch mal 7 sm, aber was kostet die Welt. Das werden wir auch noch schaffen. Die Ankerbucht ist super. Natürlich sind schon einige da, aber Platz ist genug. Voll rückwärts und der Anker hält. Dann endlich Stille. Einige Einheimische schauen etwas genervt von ihrem Wochenenddomizil zu unserem Boot rüber, aber da kann ich jetzt mal keine Rücksicht drauf nehmen. Wir haben unterwegs versucht, einen deutschen Sender reinzubekommen, denn heute findet das WM-Halbfinalspiel Deutschland Argentinien statt. Aber es ist nichts zu machen. Ich kurbele wie wild und bekomme nur russische Sender rein, dann plötzlich, wie durch ein Wunder, doch die Deutsche Welle. Es ist die zweite Halbzeit und gerade fällt das zweite Tor für Deutschland. Dann prasseln und zischen und weg. Was für ein Tag. Ich bekomme etwas Angst, dass die Vorräte nicht für die ganze Reise reichen. Wir haben schon relativ viel Geld für die anfahrt und das Drumherum verbraucht, so dass es schön wäre, wenn wir nicht noch mal einkaufen müssten. Wir versuchen aus dem, was wir haben, immer etwas Abwechslungsreiches zu gestalten. Das läuft geschmacklich deutlich besser als im letzten Jahr. Aber so ein Rindersteak ist halt doch was besseres, bleibt aber auf dieser Reise ein ewiger Traum. Lennart fehlt.

4.7. 27 sm, 2 mit Motor

7. Tag auf See. Die Sonne lacht, der Autopilot zieht seine Bahn und der Wind weht gleichmäßig von achtern mit 3-4 bf. Traumwetter. Turku ist jetzt nur noch einen Steinwurf entfernt. Je näher wir der Metropole kommen, desto mehr Segler treffen wir. Das verheißt nichts gutes für einen Liegeplatz. So ungefähr muss Passatsegeln sein. Stefan liest und ich schreibe, während der Autopilot immer weiter sicher unsere Bahn bestimmt. Durch das starke Geschwofe durch die Wellen fällt die Fock ab und zu ein. Das Reff im Großsegel hat sich sehr gut bewährt und das Boot ist gut getrimmt. Dank der hohen Zuladung liegt das Boot tief im Wasser und schneidet damit gut die Wellen. Gleichzeitig machen wir durch das Reff keine bedrohliche Kränkung mehr, selbst bei 5 bf. Der Greif fährt sich gerade fast wie ein Kielschwerter. Alles sehr entspannt. Wahrscheinlich ist das der einzige Greif, der jemals den 60. Breitengrad besegelt hat. Bis jetzt hatten wir null Stress wegen Welle oder Wind. Ich hoffe, wir haben weiterhin soviel Glück. Besonders auf dem Rückweg werden wir es brauchen. Der Wind muss dann drehen, gegen Wind und Welle können wir nichts ausrichten. Und Kreuzen geht bei diesen Entfernungen und der Drift auch nicht. Wir werden es sehen. Unsere Ausrüstung ist nach wie vor in tadellosem Zustand und es sind bisher keine Ausfälle zu beklagen. Selbst die angeschlagene Batterie hält sich wieder tapfer. Unser Spritverbrauch toppt alle Sparrekorde. Für bisher 150 sm haben wir ganze 5 Liter verbraucht. Da sind wir wohl viel gesegelt. Und ich frag ich mich mittlerweile, was wir mit den verbleibenden 115 l noch anfangen werden. Wir fahren jetzt parallel zur Hauptfahrrinne Turku. Eine Fähre nach der anderen läuft ein oder aus. Je näher wir uns durch das Nebenfahrwasser Turku von Süden nähern, desto mehr Motorboote jagen an uns vorüber und machen Megawellen. Da hilft uns auch nicht, dass sie alle lustig winken. Ich hasse wiedermal Motorbootfahrer, außer ich würde natürlich selber grad dort drin sitzen. Kurz vor Turku quert das Fahrwasser noch einen 8 m-Brücke. Hmm, ich rechne und rechne: gute 7 m Mast und 1 m Kajüthöhe am Mastfuß. Also werden wir lieber auf Nummer sicher gehen und den Mast bei der Durchfahrt leicht legen und ihn dann gleich wieder hochziehen. Wir wären niemals so durchgekommen, soviel zu Karten. Schon kommt der Abzweig in einen Stadthafen. Lauter alte Schiffe säumen unseren Weg. Ein sehr schöner Anblick. Und siehe da, wider erwarten finden wir ohne Probleme einen freien Liegeplatz. Endlich sind wir in Turku, der drittgrößten Stadt Finnlands und betreten nun erstmalig finnisches Festland. Was für ein Moment. Der östlichste Punkt unserer Reise. Wir machen uns gleich auf den Weg, um Turku zu besichtigen. Aber wie viele skandinavische Städte hat auch Turku für Mitteleuropäer wenig zu bieten, um nicht das Wort „hässlich„ zu verwenden. Aber das konnten wir ja schon auf der letzten Tour in Aarhus erleben. Dagegen ist Turku schön. Es ist gerade Wochenende und junge Menschen liegen am Ufer und sonnen sich. Zu Fuß begehen wir die halbe Stadt und sind abends völlig k. O.. Als wir angelegt haben, hat uns ein etwas abgemagerter Typ beim anlegen geholfen. Als ich sein Boot sah, schwante mir so ein Gedanke und als wir dann bei McDonald’s Internet hatten, wurde es zu Gewissheit: Sein Boot hieß Kreusa und scheinbar war er ein Weltenbummler, der sein Boot auch schon über den Atlantik und sonst wohin gesteuert hatte. Daher unterschied sich sein Boot auch deutlich von den anderen Joghurtbechern im Hafen. Ein Haufen Ausrüstung. So sehen also Aussteiger aus. Leider war er am nächsten Morgen nicht mehr da, ich hätte gerne mit ihm geredet. Wir wollen hier nicht lange verweilen, zuviel Zivilisation für meinen Geschmack. Schon nach einer Woche unterwegs mit dem Boot ist es schwer, mit der Stadt klarzukommen. Wir haben gestern endlich das Faxrätsel vom DWD gelöst, d.h. warum wir nicht das empfingen, was wir wollten. Statt, wie auf der Homepage angegeben, 19:13 UTC kommt unser Fax ab 20:33 Uhr UTC. Wir empfangen nun die Großwetterlage von Nordeuropa in guter graphischer Qualität, mit Wind und Welle, bis 76 Stunden im Voraus, ständig an Bord. Damit lässt sich gut arbeiten und wir können drei Tage im Voraus planen. Das ist sehr gut und wird uns bei der Rückfahrt sehr behilflich sein. Und es beruhigt uns ungemein. Nun sind wir also am Wendepunkt der Reise angelangt und wenn wir ablegen, geht es wieder zurück. Melancholie und Wehmut kommen auf. Bis jetzt hatten wir mit der Windrichtung sehr viel Glück. Ich hoffe, es geht irgendwie so weiter.

5.7. 23 sm, 15 sm mit Motor

Da es in der Sonne kaum noch auszuhalten ist, hab ich mich zur Abwechslung mal in die Kajüte verzogen. Der Motor läuft und wir fahren gen Westen. Da in diesem Seegebiet ja recht häufig westwinde vorherrschend sind, wird das Motoren uns selbst bei guter Planung öfters nicht erspart bleiben. Wir haben Turku hinter uns gelassen und fahren durch kleine Fahrwasser. sind an Naantali vorbei gekommen. Ein schöner Ort zum ankommen, besser als Turku. Oberhalb von Rymättylä kommen wir durch eine wunderbare Binnenlandschaft, fast wie in der Schorfheide nur wesentlich größer. Heimatgefühle kommen auf. Heute mussten mal ein neues Fass anstecken (Benzin), da auch mal 10 Liter alle gehen. Ich hab gestern noch, klong, eine Mutter über Bord gehen sehen, Das war aber nur die Sicherungsmutter vom Lümmelbeschlag, die ich dank meines diesmal reichhaltigen Ersatzteilangebotes problemlos ersetzen konnte. Schwein gehabt! Trotz des Raumwunders Greif wird es an Bord gefühlt immer enger. Ständig muss man auf- oder umräumen. 6,5 Meter sind halt nur 6,5 Meter. Wir haben aber zwei feste Kojen und eine Sitzbank zum Navigieren und als Tisch eine kleine Platte auf dem Schwertkasten, so dass alles irgendwie seinen platz findet. Ich bin froh, wieder aus der Zivilisation geflohen zu sein. Hier treffen wir kaum auf Motorboote, und nur vereinzelt säumen Segler unseren Weg. Die Abenteuerstimmung steigt deutlich an. Da wir an Bord kaum Fleisch mit haben, mutieren wir fast zu Vegetariern. Kartoffeln, Zwiebeln, Gemüse, Äpfel usw. bilden nun unsere tägliche Speise. Das geht zwar auch, aber jede zweite Nacht träume ich von einem saftigen Rindersteak. Heute morgen gab’s einen kurzen Wasseralarm: Wir hatten etwas Wasser in der Bilge, aber das ist normal, wenn wir mit voller Lage durchs Wasser schieben. Dann drückt immer etwas Wasser durch den Schwertkasten. Also ist alles o.k.. Der Autopilot leistet brav seinen Dienst, obwohl er mit dem leicht böigen Wind nicht gut klar kommt und manchmal wegdreht. Kurz vor der Fahrt hatte ich ja noch die Steckverbindung erneuert, da die alte dem Salzwasser zum Opfer gefallen war. Ab und zu erhaschen wir mitleidige Blicke von anderen Seglern über unser armseliges kleines Boot. Hier haben ja alle irgendein Boot und meistens auch eher ein sehr großes. Wir nehmen das inzwischen gelassen hin, da wir ja in erster Linie wegen der Natur hier sind und die ist immer gleich, egal wie groß das Boot ist. Wir fühlen uns immer noch wie auf der Mecklenburger Seenplatte. Tapfer tuckern wir in eine bucht und die Leute an Land schauen schon ganz verwundert, da es hier wohl sehr flach ist. Aber wir bleiben mit unserer Jolle ganz entspannt, obwohl wir kaum sicht im wasser haben. Stefan wirft den Anker und plupp, sitzt der schon auf Grund. War wohl doch nicht so tief, nur irgendwas um die 1 Meter. Schnell noch den Beruhigungsverdriftungsanker am Heck rausgeworfen und fertig. Kaffee getrunken und dann hab ich im Schlauchboot liegend noch mit meiner Gitarre die Bucht im Sonnenuntergang beschallt. Hunger haben wir heute keinen, da wir bei McDonald’s wohl gestern zu sehr zugeschlagen haben. Die Lebensmittel sind in Finnland schon sau teuer. Essen gehen geht auch gar nicht. Selbst der schlechteste Döner sollte 5,50 Euro kosten. Das ist eindeutig zuviel für mein Gefühl. Essen als Kleinigkeit Reis mit Apfelmus, das ist ja auch nicht schlecht. Noch einen Grog und schon geht’s ab ins Heialand.

6.7. 30 sm, 20 mit Motor

Gut das wir den Autopilot haben. Der Wind ist vollständig eingeschlafen; alle tollen Tageskursprognosen waren also umsonst. Ohne Wind geht gar nichts. Es wird der erste komplette Tag, am dem wir fast nur unter Motor laufen. Der brummt nun munter vor sich hin und der besagte Autopilot steuert. Wir ergeben uns der Technik. Abgesehen vom Brrrrrrr lässt es sich so ganz gut aushalten. Nur Stefans Laune ist deutlich getrübt. Bei allem was mit Motor fahren zu tun hat, sinkt sein Launebarometer tief in den Keller. Aber was bleibt uns übrig, bei spiegelglatter See und noch 30 sm vor uns. Die einzige alternative wäre ein Hafentag. Nur dumm, dass hier weit und breit keiner kommt. Die Landschaft ist gerade nicht mehr so der Knaller wie im Süden. Zuviel Wald und zu wenig Felsen. Wir sind schon sehr verwöhnt. Gegen Abend nimmt der wind von 0 auf 3 bf zu und kommt jetzt aus Ost, so das wir mit raumem Wind in den Hafen von Lappo fahren. Der Hafen scheint eher was für Einheimische zu sein, aber unsere Erwartungen hinsichtlich der eventuell günstigeren Preise werden nicht erfüllt. 20 Euro für alle. Ansonsten ist alles schick und übersichtlich. Fähranleger, Steg und Gasthütte kommen mir optisch sehr entgegen. Endlich sind wir der Zivilisation endgültig entkommen. Die Fähren sind beim An- und Ablegen recht kurz angebunden. Ranfahren, Schub nach vorn, alle rauf und runter: alles in zwei Minuten und schon geht’s weiter zur nächsten Schäre. Wir haben heute eine megalange Seilfähre gesehen. Zwischen den Anlegern lagen bestimmt 1,5 Kilometer. Ich war doch sehr erstaunt drüber. Hier im Hafen riecht es etwas schwierig, sagen wir mal so. Sagen wir mal so: wenn weniger Leute die Klos der Marina nutzen würden, wäre der Geruch auch weniger. Bisher haben wir erstaunlicherweise mit dem Hinterherziehen des Schlauchbootes keine Probleme gehabt, auch nicht beim An- und Ablegen. Man gewöhnt sich scheinbar an alles.

7.7. 29 sm, 7 mit Motor

Was für ein Tag. Wir haben heute Nacht sehr gut geschlafen. Dann heißt es schnell raus aus den Federn, raus aus dem Hafen und anders als vom DWD angekündigt: gute 4 bf aus Ost statt 1-2 bf aus West. Also fetter Wind für unser kleines boot. Und die Richtung stimmt auch, was will man mehr. Das gibt uns neuen Mut zum Segeln. Also schnell selbige gesetzt (mit Reff) und ab geht es mit 6 kn, die wir auch gut halten können. Wir durchqueren dann noch ein größeres freies Seestück und hier zeigt uns die See noch einmal die Zähne. Wegen extremer welle von vorne kommen wir trotz Einsatz des Motors zunächst kaum um eine Huk rum. Und dann, als wir rum sind, gibt es Kreuzseen ohne Ende. Ich versuche trotz dieser Widrigkeiten eisern unter Deck eine 5 Minuten Terrine zu kochen (!), was nicht gerade einfach ist: Schließlich schwankt das Boot ja insgesamt um 50 Grad. Und so halte ich den Topf fest in der Hand über dem Kocher.

Aber Essen hebt die Stimmung, da muss ich jetzt durch. Wir rauschen durch die wilde See, die Sonne kommt raus und wir erreichen im Zeitraffer Värnö. Kurz müssen wir den Mast legen, um durch eine niedrige Brücke in eine beschauliche Bucht mit guter Ankermöglichkeit schlüpfen zu können. Heute gibt es wieder Zwiebeln mit Kartoffeln. Lecker, immer noch. Die dritte Gaskartusche ist alle, das Kochen fordert eben seinen Tribut. So praktisch der kleine Gaskocher auch ist, er verbraucht doch recht viele Kartuschen. Ich musste mir heute bei Wind bis knapp 5 bf und Hackwelle um 1 m wieder mal eingestehen, das Kielboote eben doch super durch die Welle schneiden und dadurch deutlich besser im Wasser liegen als meine Jolle. Wir schaukeln dagegen wild hin und her und nehmen hier und da einen Klatscher mit. Wie durch ein Wunder haben wir heute wieder DWD-Empfang auf 6.075 kHz und verfolgen am Ankerplatz das Spiel Deutschland gegen Spanien. Die spielen zur Weltmeisterschaft in Südafrika und wir hören live zu in einer Ankerbucht irgendwo in Finnland. Schon sehr schräg, irgendwie. Lennart fehlt mir jetzt sehr. Es ist trotzdem ein wunderschöner Schärensommer. Nach Osten zu segeln (also Richtung Turku) war wie erwartet sehr einfach. Das Zurück ist nun deutlich schwieriger. Wir müssen wohl noch öfters Motoren. Aber getreu dem Motto „hin 1 Drittel und zurück 2 Drittel„ haben wir noch genug Zeit für die Rückfahrt. Der Wind ist in den Schären weht sehr unterschiedlich. Nachts herrscht eher Windstille, Morgens und Abends eher Land- bzw. Seewind und tagsüber irgendeine Düse aus den Sunden. Aber irgendwie geht’s dann doch immer. Insgesamt ist das hier schon ein supertolles Jollengebiet. Segeltraumrevier bei Sonne. Seit wir in den Åland -Inseln sind, ist die Stimmung deutlich besser geworden. Die Landschaft gefällt uns hier besser, als in den Turku-Schären. Wer es mit seiner Jolle übers Stettiner Haff schafft, kann hier locker fahren.
Das gute russische Schlauchboot hätte heute beinahe schlapp gemacht. Ich hatte es seitlich angebunden, um überkommendes Wasser zu verhindern. Aber durch das ständige Hin- und Herzappeln scheuerte sich nun langsam aber sicher die Festmacherleine durch den Gummi. Aber heute war ich ausnahmsweise mal ein guter Skipper, der sorgfältig ständig seine Ausrüstung prüft. Und so entging auch diese Kleinigkeit nicht meinem prüfenden Kontrollblick. Stille, überall Stille. Hier fällt einem erst einmal auf, wie zugelärmt man heutzutage sein Leben verbringt. Ich muss mir dringend überlegen, ob ich das weiterhin so in meinem Leben ertragen möchte, oder ob ich doch noch eine Lücke im Verlärmungssystem finde. Das Gute an so einer Reise ist, immer wieder zu erkennen, mit wie wenig man leben kann. Alles was ich an persönlichen Alltagssachen habe, passt in zwei Plastiktüten. Man erzeugt weniger Müll, verbraucht weniger Ressourcen und lebt außerdem noch ruhiger und entspannter. Ganz schön blöd, in einer Großstadt zu leben.....

8.7. 30 sm, 7 mit Motor

Wir sind heute super voran gekommen. Anker auf und ab über den Lumparnsee, kurz Lumpi von mir genannt, der etwa die Größe der Müritz hat. Und ab geht’s zum Westhafen von Mariehamn. Bei der Durchfahrt unter einer Straßenbrücke mit 5,5 Meter Durchfahrtshöhe, wo wir kurz den Mast legen mussten, bleibt doch glatt ein Åländer mit seinem Auto auf der Brücke stehen und verursacht einen Stau, weil er wohl gedacht hat, es würde gleich krachen. Wir schmunzeln nur, liften kurz den Mast und schwups, sind wir unter der Brücke durch. Doch nun erwartet uns Stress, da in Kürze eine Drehbrücke aufgehen wird und wir es zeitlich kaum bis zur Brückenöffnung schaffen können. Also alle Segel hoch, Motor auf volle Drehzahl, Fluxkompensator an und beten. Und siehe da, wir schaffen den Zeitsprung und rechtzeitig zur Öffnung sind wir da. Das war knapp. Wir segeln danach gemächlich und nur mit Vorsegel zum Westhafen, vorbei an der „Pommern„. Wir schauen nach freien Boxen und finden keine. Ich bin wieder einmal etwas frustriert und wir zirkulieren erstmal recht hilflos und finden schließlich einen Platz am Rand neben der Promenade. Die Mooringboje ist gefühlte 50 Meter vom Steg weg. Also müssen wir weiter zirkulieren und alle Festmacher zu einer langen Leine verbinden, bevor wir den Anleger fahren können. Der Wind steht voll auf den Steg. Als Stefan vorne auf den Steg übergeht, hab ich noch einen Meter Leine in der Hand. Das ist also noch einmal gut gegangen. Die Hafenpreise hier sind ja so schon unverschämt, aber 25 Euro pro Nacht für unser kleines Boot ist echt eine Sauerei. Verhandlung ausgeschlossen. Es nervt, mehr fürs Kacken und Duschen zu bezahlen, als für Essen und Sprit. Das musste mal gesagt werden. Wie liegen nun also kurz vor der „Pommern„ und schauen den Fähren beim An- und Ablegen zu. Von den Gasthäusern schallt es herüber und Schwell läuft ohne ende ans Boot. Wir dröhnen uns mit Grog zu, um uns Mut zu machen für die morgige Überfahrt zurück nach Schweden. Eben wurden wir schon angesprochen wegen unseres kleinen Bootes. Die mitleidigen Blicke nerven manchmal sehr. Ich hoffe, dass sie nicht noch ihren Müll in unser Boot werfen und vom hohen Steg auf uns herabpinkeln. Zur Strafe setzen wir bis zuletzt keine Ålandflagge....

9.7. 47 sm

Was für eine scheiß Nacht in diesem Westhafen von Mariehamn. Dieser Hafen ist die absolute Hölle. Da die geschützten Liegeplätze nur für Einheimische reserviert sind, gibt es nur einen Anleger für Gäste. Und der liegt schön ungeschützt im Schwell von Wind, Welle und allen Fähren. Und da ganz außen liegen wir mit, mit dem Heck zum frischen Wind. Schöne Wurst. Wir haben jetzt gute 4 bf und es geht nichts mehr. Der Wind drückt das Boot gegen den Steg.
So kommen wir nie raus. Wir müssen warten, bis der Wind sich abschwächt. Wir sind vollauf beschäftigt, Beschädigungen am Boot zu verhindern. Die Mooringboje ist durch den Zug vom Festmacher schon komplett unter Wasser gedrückt worden. Neben uns hat ein Motorboot festgemacht, das gerade mal so eben 1.000 Liter Benzin getankt hat. Soviel verbrauch ich in 10 Jahren nicht. Und die kommen gerade mal ein Wochenende damit hin. Schöne neue Welt. Immerhin haben wir hier im Hafen für 8 Euro eine echt leckere Pizza gegessen. Ich hoffe, dass sich der Wind gegen Abend endlich beruhigt. Ich bin unruhig und will aus dieser misslichen Lage raus. Scheiß auf die offene See: ich will jetzt nach Schweden rüber. Endlich, gegen 17 Uhr lässt der Wind etwas nach und wir legen nach kurzer Ablegetaktiklagebesprechung ab. Es nervt kurz, aber alles geht gut. Endlich sind wir weg von dieser scheiß Marina. Doch es soll noch besser werden. Kurz bevor wir auf die offene See kommen, geht das Drama schon los. Gute 1 Meter Welle und fast gegenan. Wir eiern, so gut es geht, durch die Fahrrinne, bis wir ausreichend von Land frei kommen und segeln dann Kurs 270 Grad, also genau Westkurs. Da kommen wir zwar nach Schweden (das ist gut), aber nicht dahin, wo wir hin wollen (das ist schlecht). Nach anfänglichen Schwierigkeiten wegen zu wenig Wind und viel Welle läuft das Boot jetzt mit 3,5 kn und der Autopilot hält wieder eisern den Kurs. Stefan hat sich hingelegt und ich auch (scherz). Ich sitze nun in der Plicht auf einem großen Fender, wie auf einem Medizinball, und schaue den Dauersonnenuntergang an der Steuerbordseite an. Inzwischen ist es 23 Uhr und das Orange ist in tiefes Rot übergegangen. Sehr schön, so etwas sieht man zu hause nicht. Bei 60 Grad nördlicher Breite bleibt es jetzt fast auch die ganze Nacht hell. Die Entscheidung, diese Nacht den großen schlag über die offene See zu wagen, scheint ganz gut aufzugehen. Lieber wenig Wind und Welle, als zuviel davon. der „Alte„ lässt uns diese Nacht gnädig ziehen und streckt nur hier und da einen Finger nach uns aus. Um mich rum ziehen Frachter und Fähren ihre Bahnen. Zum Glück sind sie weit weg. Allerdings sie sind schlecht auszumachen, weil es jetzt leicht diesig ist. Es ist ein Wahnsinns Freiheitsgefühl, so durch die Nacht zu gleiten. Und um einen herum ist nur das Plätschern der Wellen. Keine Flugzeuge, keine Autos, keine Motorboote. Endlich richtig frei sein. Der Himmel formt immer wieder neue Muster in die Wolken und am Horizont sendet ein Leuchtturm sein Signal über das Wasser. Und Vögel ziehen hoch oben in Formationen ihre Bahnen. Das ist Leben pur. Eine laue Mittsommernacht zwischen Schweden und Åland. In solchen Momenten bekommt man eine eindeutige Antwort auf die Fragen und Dinge, die wichtig und unwichtig sind im Leben. So, jetzt aber lieber mal rundum sehen, ob alles o.k. ist und nicht einschlafen, sonst kommen wir zwar nach Schweden, aber mit harter Anlandung. Diesel liegt in der Luft. Ähhm , wie jetzt, Diesel? Wo Diesel, da Motor, da Schiff. Schnell noch mal schauen, ob alles o.k. ist. Die fahren hier scheinbar mit dachpappe, bei dem was da zum Schornstein rausweht und durch den Wind über weite Strecken fortgetragen wird. Wir kommen jetzt ganz gut voran. Steter tropfen höhlt halt den Stein. Wir werden aber um eine Wende nicht drum rum kommen, da wir insgesamt südlicher kommen müssen. Ich hab für das Seegebiet nördlicher keine Karten an Bord und nur mit Überseglern in den Schären scheint mir nicht so sinnvoll. Gute 250 sm liegen bis jetzt insgesamt hinter uns, und das fast alles nur mit der Kraft des Windes. Das ist schon beeindruckend, so zu reisen. Wo einen der Wind halt hinträgt. Und die 1,2 t Boot voll mit diversem Hausrat schieben stetig durchs Wasser.
10.7. 9 sm

Was für eine Überfahrt! Total müde und k.o. lassen wir in einer geschützten Ankerbucht von Arholma den Anker fallen. Der Anker hält wie bombe. Die Sonne scheint, alles ist o.k.. Wir haben zwar unterwegs abwechselnd geschlafen, aber trotzdem sind wir total fertig. Die Ostsee ist nun spiegelglatt und der Wind weht immer noch mit 3 bf aus S. Schlafen, schlafen, schlafen.... Wir sind wiedermal heil rüber gekommen über die offene See. Gegen Nachmittag und nach einem kurzem Nickerchen holen wir den Anker wieder auf und segeln bei inzwischen guten 5 bf kreuzender Weise nach Lidö zu einer Ankerbucht. Schönes sportliches Segeln bei 6 kn und 30 grad Neigung. Wir rauschen unter Segeln in die Ankerbucht, reffen und versuchen zu Ankern. Doch alles ist rappelvoll. Wir finden keinen geeigneten Platz zum Ankern und an den freien Stellen hält der Anker nicht. Ich werde langsam extrem unentspannt. 36 Stunden fast ohne Schlaf fordern eben ihren Tribut. Wir zirkulieren zur Unfreude der Einheimischen rastlos durch die Ankerbucht. Schließlich legen wir entspannt an einer Außenschäre an, aber der Anker hält das Heck nicht: Also müssen wir wieder ablegen. Ich fahre dann auf eine Flachwasserstelle zu, wo die anderen wegen ihres Tiefgangs nicht hin können. Und siehe da, keine Steine. Ich schmeiße den Anker mit 30 m Leine bei 2,5 m Tiefe. Das muss jetzt aber halten. Stefan springt in voller Montur und ohne Diskussion vom Bug ins Wasser, um die Bugleine am Ufer um einen Baum zu binden. Was für ein Tag. Wir haben jetzt einen windgeschützten, ruhigen Liegeplatz mit herrlichem Blick auf den Sonnenuntergang. Alles ist entspannt und schön. Wir kochen uns wieder einmal leckere Pellkartoffeln mit Ei, Schnittlauch und Salami. Anschließend hauen wir uns einen Grog rein und sind fertig mit der Welt für heute. Ab jetzt haben wir den sportlichen Teil der Reise hinter uns. Ab hier beginnt jetzt eher ein entspannter Urlaub in den Schären, mit Inselhopping und Chillen. Also eine Woche Entspannung. Da es hier in den Naturhäfen Plumpsklo und Wasser gibt und man zum Baden einfach aus dem Boot springt, bedeutet dies auch eine Woche ohne Hafengebühr. Juppi... Man, bin ich breit vom Grog...

11.7. 18 sm, davon 1 sm unter Motor

Was für eine Ankerbucht! Wir haben super geschlafen, bis 10 Uhr. Dann gab’s ein gemütliches Frühstück und danach haben wir mit dem Schlauchboot trockenen Fußes die 10 m zum Land übergesetzt, um die Insel Lidö zu besichtigen. Der Schwede neben uns hat sich zu recht köstlich darüber amüsiert, den er hatte natürlich super an der Schäre festgemacht und konnte über seinen Bug locker an Land gehen. Das Schlauchboot bringt aber immer so ein Robinson-Crusoe-Feeling. Wir sind also über die ganze Insel gegangen: ganze 2 km!. Die Insel ist sehr schön, mit schickem Restaurant und einem dezenten Hotel. Gegen Mittag machen wir los, und wer hätte das gedacht: entgegen dem Wetterbericht konnten wir fast alles segeln. Die Schweden scheinen die Sonne sehr zu genießen. Sie liegen auf den Schären verteilt und räkeln sich neben ihren Grillgerätschaften. Das ist ja auch kein Wunder, denn da im Winter hier volles Dunkeltuten angesagt ist, muss man im Sommer jede Minute nutzen. Wir haben heute einen entspannten Tag gehabt. Gegen 18 Uhr laufen wir in eine neue Ankerbucht ein. Heckanker raus, Motor aus und schwups, ist Stefan über den Bug an Land, um uns wieder an einem Baum fest zu machen. Unser erster richtiger Schärenfestmacher auf dieser Reise. Langsam bekommen auch wir den Dreh raus. Wir liegen jetzt an der Insel Ängsö und kommen somit jetzt in den Dunstkreis der ferienmachenden Schweden aus Stockholm. Sozusagen mein Wassersportsupergau. Hier sind mir wieder zu viele Menschen; dann fahren wir mal morgen lieber wieder in die Außenschären. Es ist sehr angenehm, dass man fast alle Naturschutzgebiete befahren und begehen darf. Irgendwie ist hier fast gar nichts verboten. Für Deutsche ist das sehr ungewohnt. Wir haben in den 2 Wochen bis jetzt nicht ein Polizeiboot oder eine Küstenwache gesehen. Sehr angenehm. Ich hoffe, das Wetter hält noch eine Weile so an. Wir hören gerade im Weltempfänger das WM-Endspiel Spanien gegen die Niederlande. Mit jedem Telefonat in die Heimat wird man wieder in die vertraute Zivilisation zurück gerissen. Das ist eine Mischung aus „schön, dass man diese Möglichkeit hat„ und „geht es nicht auch mal ohne?„. Das essen wird wohl bis zum Ende der Reise reichen. Erstaunlich, zwei Leute und drei Wochen essen mit voller Versorgung für gerade einmal 250 Euro. Das klingt gut. Ich muss jedoch gerade wieder an die leckere Pizza von Marihamn denken. Hhmmmmmmm......

12.7. 23 sm, 10 davon mit Motor

Wie haben heute wieder endlos geschlafen, bis kurz nach 10 Uhr, und sind dann erst sehr langsam in die Gänge gekommen. Heute gab es mal gekochte Eier zum Frühstück, was für ein Geschmackszuwachs. Dann haben wir mit dem Dingi wieder an Land übergesetzt und die Insel Ängsö erkundet. Hier ist anscheinend eines der ersten Naturschutzgebiete Europas gewesen. Naja, dafür, das man die Insel in 5 Minuten durchquert, isz es ja nun nicht gerade megagroß. Aber es ist schon ein schönes Eiland. Auf dem Rückweg sind wir an den Ruinen einer alten Bauernkate vorbei gekommen (Adam und seine Frau wohnten hier) und haben dann an einem Brunnen mit Hilfe eines Bechers, der an einer Stange befestigt war, Wasser geschöpft und unseren Durst gestillt. Das war schon ein komisches Gefühl. Aus diesem Brunnen hatte wohl schon Adams Familie vor 200 Jahren das Wasser geholt. Zu dieser ganzen spartanischen Aktion mit wasser und Klo muss ja auch mal ein wenig Licht ins Dunkel gebracht werden. Auf dem Boot macht man die kleinen Geschäfte in die Pütz und ab über Bord damit. Und große Geschäfte fallen aus, was mental dazu führt, dass man beim Ablegen schon ans Klo denken muss und der Gedanke daran manchmal den Tag leicht überlagern kann. Auf den schwedischen Schären gibt es einen Vereinigung, die den sanften Tourismus fördert und Plumpsklos und Müllsammelbehälter auf den wichtigsten Inseln verteilt. Meistens sind diese Anlagen auch sehr gepflegt. Aber der Geruch ist gerade im Hochsommer sehr gewöhnungsbedürftig. Ich bevorzuge daher, wann immer es geht, die Tür beim Geschäft offen zu lassen. Soviel dazu. Waschen ist da deutlich einfacher. Klamotten vom Leib reißen und plumps, ins Wasser. Es ist zwar Salzwasser, aber egal. Wenn man in einem Hafen liegt, spielt das alles keine Rolle, denn dort ist alles vorhanden: Klo, Dusche, Sauna und Waschmaschine. Wir sind heute schon den dritten Tag ohne Landstrom zum Aufladen der Batterie unterwegs. Und die ist jetzt mächtig am Ende. Aber da wir ja eigentlich keine wichtigen Verbraucher an Bord haben, geht es nur darum, die Handys und das Hand-GPS aufzuladen. Den Motor kann ich auch mit der Hand starten, das ist ja nicht so schwer. Wir lesen bis es dunkel wird und schlafen dann nach dem obligatorischen Grog ein. Man kommt mit so wenig aus, das ist immer wieder beindruckend. Der einzige Schwachpunkt ist unsere Trinkwasserversorgung. Mit nur 10 Litern kommt man nicht sehr weit: Kaffee, Grog, 5 Minuten Terrine. Ohne den Kocher würde fast gar nichts gehen. Das Wasser ist jetzt fast alle. Wir müssen morgen unbedingt an Land. Eine Möglichkeit dazu finden wir auf der Insel Gällnö. Zuhause in Berlin sind jetzt 30 Grad im Schatten. Was für ein Sommer. Wir sind jetzt seit zwei Wochen fast ununterbrochen in der Sonne unterwegs, mit winden von 3-5 bf. Ich kann mich nicht erinnern, jemals eine so stabile Wetterlage auf der Ostsee erlebt zu haben. Traumhaft.

13.7. 25 sm

Wir sind heute relativ früh raus, um mal wieder richtig vorwärts zu kommen. Nach dem Frühstück haben wir noch schnell die Insel besichtigt und sind dabei ganz schön weit gelaufen. An einem schön gelegenen, kleinen Hafen wollten wir ein kühlendes Eis essen, aber da wir bisher wenig Kontakt mit den Einheimischen hatten, fiel uns erst im Laden auf, dass wir ja hier in Schweden sind und wieder mit Kronen statt Euro bezahlen müssen. Und die liegen leider auf dem Boot. Da schauen wir beide nun ganzschön blöd aus der Wäsche nach 5 km Querfeldeinüberdieinselfußmarsch durch die Hitze, und das auch noch mit dem Wasserkanister in der Hand. Dann haben wir endlich abgelegt, und los ging die rauschende Fahrt bei guten 5 bf aus S. Leider genau die Richtung, in die wir fahren wollen. Schnell baute sich dann auch die Welle auf, und so hatten wir mit der Jolle mal wieder viel zu tun. Es zieht sich hin mit dem Kreuzen. Bei einem Wendewinkel von 110 Grad und Drift von 5-10 Grad bleiben nur so um die 30 Grad bei jedem Schlag, um voran zu kommen. Dadurch fahren wir zwar viel Strecke, kommen aber trotzdem kaum voran. Aber dafür wurde der Greif auch nicht gebaut, und das zeigt er auch deutlich durch stumpfes Klatschen aufs wasser, Schlingern, schlecht Höhe fahren und dabei trotzdem gut Lage machen, trotz Reff. Zwischendurch kam bei der Fahrt immer wieder das Ruder hoch. Und während dann Stefan abgefallen ist, hing ich hinten am Motor, um mit den Füßen das Ruder während der Fahrt bei vollem Ruderdruck wieder nach unten zu drücken. Wir sind dann trotzdem noch relativ zeitig an unserm heutigen Ziel in einer Ankerbucht bei Nämdö gelandet. Relativ voll hier, aber mit der flachgehenden Jolle findet man fast immer einen geeigneten Platz. Puh, bin ich fertig vom Geschaukel des Tages. Endlich essen.

14.7. 24 sm

Wir sind heute wieder früh raus. Der frühe Vogel fängt den wurm. Insel ansehen und Viel sehen ist das Motto, und das erfordert viel Zeit. Wir sind zum Dorf auf der Insel gelaufen. Das war recht weit, aber die Natur hier ist schön. Wir hatten diesmal natürlich die passende Währung dabei, und so konnte mit dem Eiskauf nichts mehr schief gehen. Noch mal Wasser bunkern und los geht’s. Und wieder gegen Wind und Welle. Das macht mir der Jolle nicht wirklich wenig Spaß und selbiger geht mir zusehends verloren. Stefan will segeln, segeln, segeln und mir ist das gerade scheißegal. Ich könnte auch mal zwei Tage ohne segeln auskommen, oder eben mal 12 sm zur nächsten Bucht motoren. Das fände ich jetzt auch nicht so schlecht. Ich sitze daher heute etwas passiv rum, als es wieder hieß: kreuzen, kreuzen ,kreuzen. Ich sehne mich ein wenig nach der Zeit, wo wir mit achterlichen Winden bis nach Turku durchrauchen konnten. Das scheint mir ewig her zu sein. Inzwischen konnten wir auch unseren schwedischsprachigen Reiseführer entziffern und wissen daher, dass im Sommer fast immer südliche Winde in diesem Seegebiet vorherrschen. Kein Nord, kein West und auch kein Ost. Das nenn ich mal konsequent. Nur leider schlecht für uns, wenn wir nach Süden wollen. Die Steuerbordwinsch wollte sich kurz verabschieden, wir konnten sie aber mir Bordmitteln reparieren. Unseren abendlichen schönen Ankerplatz haben wir diesmal bei der Insel Fjärdlång gefunden. Vorne sind wir fest an einer Kiefer und hinten mit Anker. Das klappt jetzt schon ganz gut. Es sind viele Schweden unterwegs, es ist halt Urlaubszeit. Aber das alles ist kein Problem für uns, alle hier sind sehr freundlich, entspannt und ruhig. Daher ist unsere Nachtruhe nicht gefährdet.
15.7. 12 sm, 2 mit Motor

Die Nachtruhe war doch gefährdet, da hatte ich mich wohl zu früh gefreut. Möwen, überall Möwen. Der Lärm war die Hölle, die ganze Nacht durch. Kaum ging die Sonne auf, peng, sind alle Möwen weg, und ein neuer, ruhiger Tag in dieser beschaulichen Ankerbucht beginnt. So etwas findet man nicht in den Kanaren, auf Mallorca oder in Kroatien. Die Schären sind halt ein Traumrevier. Nach dem Frühstück wollten wir den obligatorischen gang zum Eisladen auf der Insel in Angriff nehmen, als neben uns ein Folkeboot mit totem Außenborder und 3 jungen Schweden vorbeitreibt. Wir haben uns ihre Reparaturversuche einen Weile angesehen. Aber da sie kaum Werkzeug hatten, bin ich dann mit dem Schlauchboot und meiner Werkzeugkiste übergesetzt, um zu helfen. Ich hab dann den Vergaser abgefummelt und das ganze Gedöns drum rum und alles sauber gemacht und zusammengebaut und hab dabei nicht mal was ins Wasser fallen lassen. Aber der 4 PS-Quirl hatte nicht seinen Tag. Dann wollte sie jemand mit aus der Bucht schleppen und weg waren sie. Alle Sachen wie Völkerverständigung und Boot anschauen und Brieffreundschaft knüpfen fielen durch den schnellen Abgang dann aus. Ich war etwas frustriert, weil ich es bestimmt gerichtet hätte. In dieser Stimmung bin ich dann mit Stefan erst einmal zum Dorf aufgebrochen. Auf dem Weg dorthin haben wir uns, trotz Karte, gut verlaufen und wanderten statt dessen durch hohes Gras und leichte Sümpfe. Ich hab dann sogar eine Schlange gesichtet und hatte das Gefühl, 100 Zecken würden an mir hängen. Nach einer Stunde Wildnis kam endlich die Erlösung. Uns gelang eine absolute Punktlandung am Eisladen. Rückzu finden wir uns besser zurecht und sind in der halben Zeit und ohne Wildnis wieder am Boot angelandet. Anker auf, Vorleine von Kiefer frei und los geht’s schon wieder. Wir segeln heute bei 2 bf gemächlich durch die glatte See. Ich spiele Gitarre und Stefan steuert. Die Welt ist in Ordnung und über allem scheint wieder die Sonne. Wir fahren nur einen kurze strecke zur Insel Huvodskär. Ein Traum in den Außenschären. Wir zirkulieren 3-4 mal durch die Bucht, um einen passenden Ankerplatz zu finden, da alles sehr voll ist. Wir fahren dann an eine Nachbarschäre und legen dort das erste Mal mit einem Eisenpflock an, den wir extra für diese Reise erworben hatten. Heckanker raus und Stefan springt über und tütelt die Leine an eine Zweckbirke. Die erweckt aber kein richtiges Vertrauen in mir, daher der Eisenpflock. Wir sind stolz, wenigstens am Ende des Törns mal schwedenmäßig angelegt zu haben. Wir haben nun eine Schäre ganz für uns alleine. Wir stehen auf deren Spitze in 20 m Höhe und genießen den Rundumblick. Einer der besten Plätze auf der ganzen Reise. Was für ein Blick. Auf der einen Seite die spiegelglatte Ostsee und auf der anderen die Stockholmer Schären. Und über allem wieder einmal ein malerischer Sonnenuntergang. Wir genießen den Rum pur aus der Flasche. Was für ein Finale. Beststimmung.

16.7. 35 sm

Was für einen Scheißnacht. Der Wind ist am Abend noch auf fast 4 bf aufgefrischt und hat nach West gedreht, was sehr schlecht für unseren Liegeplatz ist, da der Wind nun genau von der Seeseite kommt. Da auf den Heckanker kein Verlass ist, bringen wir mitten in der Nacht zur seitlichen Stabilisierung den zweiten Anker an Land aus. Das bringt deutliche Entspannung, aber wir driften trotzdem etwas. Ich schlafe daher sehr unruhig und schaue alle zwei stunden nach dem Rechten. Wir haben Glück, dass zwischen dem später neben uns festmachenden Boot und uns das Schlauchboot im Wasser schwimmt. Die neben uns driften nämlich langsam auf uns auf. Das macht die Sache nicht einfacher. Aber irgendwann geht jede Nacht einmal vorbei, und nach einem leckerem Frühstück mit Ei auf Brot und einem ordentlichen Kaffee sieht die Welt schon wieder viel besser aus. Wir brauchen dann eine gute Weile, um alle Leinen und Haken loszumachen, ohne uns zu vertüteln. Schließlich kommen wir gut weg. Aber unsere Freude darüber währt nicht lange, denn es liegen so viele unklarierte Leinen an Deck herum, dass das nun Folgende unausweichlich eintreten musste: Mitten in der Ankerbucht fällt uns ein Stück Leine ins Wasser und verheddert sich aussichtslos in der Schraube unseres Außenborders. Der Motor ist nun aus und wir treiben munter durch die ankernden Boote auf die nächsten Felsen zu. Stefan springt sofort ins Schlauchboot und mit Hilfe des guten Leatherman schneidet er in Windeseile die Schraube frei. Nun ist die Ankerleine deutlich kürzer, aber egal. Motor an und nix wie raus hier. Wir klarieren nach dieser Show erst einmal alles ordentlich auf, flicken die Ankerleine und räumen artig das Cockpit auf. Das ist deutlich besser. Nun heißt es überlegen, wie wir zur nächsten Insel, nach Möja kommen. Stefan will lieber durch die Schären, aber mich lockt die offene See. Die Sonne knallt vom wolkenlosen Himmel und mit Schmetterling rauschen wir mit 6 kn dahin. Die Freiheit des Meeres hat uns wieder. Leicht ist es aber trotz des achterlichen Windes nicht. Die Wellen türmen sich hinter uns bedrohlich bis 1,5 Meter auf, wodurch das Steuern recht kräftezehrend ist. Mit plusminus 15 Grad Kursabweichung eiern wir so an den Schären vorbei nach Möja. Die achterlichen Wellen nehmen dann aber derart zu, dass das Schlauchboot ständig gegen das Boot gedrückt wird und voll läuft. Es hilft nichts, das Schlauchboot muss an Bord. Ich berge also das nun zentnerschwere, wassergefüllte Monster in die Plicht. Und da diese sehr klein ist, schaut das halbe Dingi an der Seite über die Bordwand. Von außen sieht das bestimmt sehr merkwürdig aus, und die Segler, die unseren Weg kreuzen, schauen sehr verwundert, ob denn bei uns alles o.k. ist. Durch diese Maßnahme laufen wir jetzt aber einen halben Knoten schneller, schließlich müssen wir das Schlauchboot nicht mehr im Wasser mitschleifen. Hat ja auch was. Stefan verzeichnet auf seinem Hand-GPS sogar kurzeitig 7,5 kn beim Surfen ins Wellental. Wir sind also gut unterwegs und segeln jetzt Richtung Möja Skärgarden nach Hemholmen. Der Kartenmaßstab lässt leider sehr zu wünschen übrig. Daher tapern wir recht unsicher durch das nun schmale Fahrwasser. Links und rechts schauen Steine aus dem Wasser und hier und da sind schwach Felsen auszumachen. Wir segeln aber tapfer weiter bis fast zur Ankerbucht. Dort ein großer steiler Felsen, Sonnenuntergang und alles ist voll mit Booten. Es ist halt Wochenende. Wir bleiben jedoch diesmal entspannt, drehen ein paar Kreise und machen dann gekonnt an einer Schäre fest. Vorne wieder an einer Kiefer und hinten mittels Anker mit geflickter Leine und seitlichem zweiten Anker an Land. Das Ganze dauert keine zwei Minuten; wir werden langsam professioneller. Dann geht’s mit dem Schlauchboot schnell zur anderen Seite der Bucht zum Sonnenuntergang schauen. Dabei gibt es noch eine lustige Einlage der Einheimischen zu bewundern. Während so ein junger Typ sein Geschäft auf dem Plumpsklo erledigt, wird sein Schlauchboot vom Wind weg vom Steg durch die ganze Bucht getrieben. Als er kurze Zeit später rauskommt, hat er die ganze Bucht als Zuschauer. Kurze Panik seinerseits und dann muss er wohl oder übel ins Wasser springen und seinem Boot hinterher schwimmen. Klitschnass paddelt er nun zu seien grölenden Kumpels zurück. Schärenleben eben. Das ist Stefans letzter Tag in den Schären, er wird langsam wehleidig. Von wegen wieder arbeiten gehen und so. Ich bleibe ruhig, denn ich bleibe ja noch länger hier. Ich hoffe, das Wetter hält dann auch weiter durch.

17.7. 10 sm

Es ist nur eine kurze Strecke. Leider. Für Stefan bleibt kaum Zeit zum Abschied nehmen von dieser Landschaft. Das ist das Ende des Törns mit Stefan. Es herrscht jetzt spürbar gedrückte Stimmung. Nach 10 sm mit raumem Wind und Rauschefahrt machen wir im Ausgangshafen des Törns fest, Bullandö. Vorerst Ende.

17. und 18.7. Hafentag

Jetzt heißt es, das Boot aus- und aufräumen und von innen und außen mal richtig sauber machen. Erstaunlich, was dabei alles zu Tage tritt. Einen ganzen Berg an Sachen haben wir da sinnlos über 500 sm mitgeschleppt. Aber egal, lieber zuviel als zu wenig. Ersatz für die Gaskartuschen aufzutreiben scheint ein Problem zu werden. Stefan nimmt Abschied und fährt zurück nach Berlin. Aber der Segelsommer ist noch nicht zu Ende.



Vom 19.7. an waren zwei Wochen Schärenurlaub mit meiner Familie geplant, aber es kam alles etwas anders....

ca. 40 sm: Gällnö, Lådna, Paradisviken

Ich habe meine Freundin und meinen Sohn Lennart vom Flughafen abgeholt und die Stimmung war sehr gut. Ich hatte sie ja nun über zwei Wochen nicht gesehen und freute mich unendlich darauf, ihnen diese schöne Landschaft zu zeigen. Das erste Mal seit der Geburt unseres gemeinsamen Kindes wollten wir einen zweiwöchigen Familienurlaub zu dritt erleben. Von da an ging es jedoch leider nur bergab und was ich damals nicht für möglich gehalten hätte: dies sollte unser letzter Familienurlaub werden.
Wegen schlechter Stimmung an Bord breche ich den Törn nach nur vier Tagen ab und fahre mit Familie und Boot nach Deutschland zurück.
Als ich das Boot knapp zwei Wochen später alleine von Rügen abhole, lernt meine langjährige Partnerin und Mutter meines Kindes ihren neuen Freund kennen und zieht zwei Monate später in ihre eigene Wohnung. Es reist mir die Füße weg und ich verbringe Wochen im Schockzustand. Ein Wendepunkt in meinem Leben und ein unendlich trauriger Einschnitt, der große Narben in mir hinterlässt. Nichts wird mehr so sein wie es war. Die heile Welt ist meiner Naivität zum Opfer gefallen. Die Freiheit hat ihren Preis und wenn man ohne sie nicht leben kann schafft das Probleme. Heute bemühe ich mich um einen ausgiebigen Umgang mit meinem Sohn Lennart.
Ich erwähne das nur am Rand und als kurzen Hinweis darauf, warum ich diesen Teil der Reise nicht näher beschreibe und meine Familie in im gesamten Bericht nicht weiter erwähnt wird.

...

27. - 28.7. 40 sm, 20 mit Motor

Nachtfahrt mit Danny durchs Fahrwasser von Schaprode nach Ralswiek. Kurz nach dem Ablegen in Schaprode fliegt die Steuerbordwinsch auseinander; die meisten Einzelteile kann ich aber auf dem Deck bergen und die Winsch notdürftig wieder zusammenflicken. Ein anderes Schiff ist vor Kloster am Rand der Fahrrinne festgelaufen. Ursprünglich wollten wir Richtung Darß fahren. Aber bei starkem Westwind bis guten 6 bf bleibt es bei dem Versuch. Und auch in Vitte, Kloster oder Neuendorf ist keine Hafenplatz zu finden. Es ist schwer, im Dunkeln ab Wittower Fähre nicht die Fahrwassertonnen zu rammen. Gegen 3 Uhr nachts laufen wir endlich heil in Ralswiek in den Hafen. Das Ganze war ein sehr kräftezehrendes Unterfangen und ein ziemliches Desaster. Aus Zeitgründen brechen wir an dieser Stelle den geplanten Kurztörn ab.

5.8. 40 sm

Die Zeit scheint zu zerfließen. Ich habe jetzt endgültig den Überblick über selbige verloren. Ich lebe von einem Tag zum nächsten und habe Zivilisationsprobleme. Gerne würde ich den ganzen Sommer auf dem Boot verbringen. Gestern bin ich ganz entspannt von Berlin nach Rügen gefahren. Das Boot lag da wie immer. Ich hab meine Tante besucht und abends ging’s ab in die Koje. Vorher hab ich von Bord aus noch das Feuerwerk von Störtebecker bewundert, natürlich mit einem Grog in der Hand, in dieser lauen Sommernacht. Windstille. Das Leben kann so schön sein. Ich bin heute gegen 9 Uhr raus, hab alles aufgeklart und im Hafenrestaurant gefrühstückt. Sehr schöne Atmosphäre. Sonne, Sonne, Sonne. Der Tag fängt gut an. Ich setze die Segel und mit achterlichem Wind laufe ich in Richtung meiner Lieblingsinsel Hiddensee und biege dann rechts zur Ostsee raus, um außen vorbei am Hiddenseer Strand Richtung Barhöft nach Stralsund zu segeln. Ich genieße den Tag. Querab liegt der Strand von Vitte, der Autopilot surrt und der Schmetterling steht bei fast 6 Knoten Fahrt. Am Abend im Hafen Stralsund treffe ich mich mit Gregor, der mich auf diesem letzten Törn der Saison begleiten wird. Wir sitzen bis spät in die Nacht auf Deck, reden und genießen die laue Sommerluft. Zur gleichen Zeit an diesem für mich so entspannten und glücklichen Abend geht, ohne das ich es wissen könnte, 300 km landeinwärts meine Lebenspartnerin neue Wege und mitten in meinem gefühlten Glück bricht dort meine Welt unbemerkt von mir zusammen....... Die See und ich forderten somit auch unseren Tribut an Land....

6.8. 32 sm, 12 davon mit Motor


Ein super Tag, die Silhouette von Stralsund ist schön anzuschauen. Die Sonne scheint über allem. Tapfer haben wir uns gegen Wind und Welle Richtung Barhöft ins Darßer Achterwasser gekämpft. Nach entspannter Fahrt legen wir einen Zwischenstopp in Zingst ein und gehen dort an den Strand und essen Eis. Mit der abendlichen Brückenöffnung passieren wir unter Segeln die Meiningenbrücke und fahren dann über den Prerowstrom hoch nach Prerow. Am Strand genießen wir den Sonnenuntergang und warten danach an der Bushaltestelle auf Stefan, den dritten im Bunde.

7.8. 33 sm, 18 mit Motor

Heute sind wir in Prerow sehr früh raus aus den Federn. 7 Uhr ist nicht meine Zeit. Kaffee gegen 8, Stulle essen und los. Wir nehmen eine Abkürzung Richtung Wustrow, aber auch die Jolle braucht etwas Wasser unterm Kiel. Daher klappt es erst beim 2. Versuch, das Fahrwasser zu verlassen, um gut abzukürzen. Um 12 Uhr legen wir in Ribnitz Dammgarten an. Schnell laufen wir zum Zug, mit dem wir nach Rostock zur Hansesail fahren. Vom Stadthafen geht’s weiter nach Warnemünde. Wir laufen viel durch die Gegend am Hafen und sehen dort die Sedov. Super Wetter und schöne Boote. Hier oben treffen wir auf Jan, einen Kumpel von Stefan und Gregor, und der fährt uns glücklicherweise abends noch zum Boot zurück. Mit ihm können wir auch noch schnell noch zur Tanke, den Kanister füllen. Immer dieses permanente Spritproblem. Wir legen gegen 18 Uhr ab und schaffen es erst nach 22 Uhr in den Hafen von Born. Gute Zeit, langer Tag, aber alles entspannt.

8.8. 40 sm, 5 mit Motor / 9.8. 320 km getrailert

Da wir gestern noch bis Born gekommen sind, müssen wir erst gegen 8 Uhr los zur Meiningenbrücke. Das Wetter sieht nicht gut aus, es hat die ganze nacht geregnet. Kaum Wind. Wir fahren mit leichtem Wind in den Segeln durch die Brücke, dann frischt der Wind merklich auf. Wir kürzen jetzt das Fahrwasser ab so gut es geht, haben aber kaum Grundberührung. Es wird der letzte Seetag. Wehmut kommt bei mir auf. Die Reise geht nun langsam zu ende. Neben uns fährt einen ältere Dehler 25. Der Sportsgeist kommt bei uns auf. Durch guten Trimm und ständige Manöver schaffen wir es nach guten zwei Stunden, sie leicht abzuhängen, trotz Wind bis 5 bf. Das tut auch mal gut. Wir sind tatsächlich auf allen Kursen etwas schneller. Das verwundert uns sehr und den Eigner der Dehler wohl noch mehr. Wer hätte das vom Greif gedacht. Dafür herrscht permanenter Dauerregen, aber egal. Nach der Ankunft in Schaprode fahre ich mit Stefan und Gregor nach Bergen, von wo aus die beiden den Zug nach Berlin nehmen. Ich werde von meiner Tante abgeholt und hole bei ihr mein Auto und den Trailer ab. Ich schlafe noch eine Nacht auf dem Boot und nehme mit viel Grog Abschied von einem 1000 sm-Segelsommer mit der Jolle. Es wird nicht das letzte mal gewesen sein. Seesucht.


Text mit freundlicher Unterstützung von Gregor ...